Yes, it's happening right now.
Die neuesten Sprachmodelle (Claude Opus 5.5 und ChatGPT-6 Astra) können inzwischen auch visuelle Informationen aus einem Grundriss erkennen, verstehen und daraus in der Autorensoftware native Elemente erstellen und ändern. Bisher war mein Fazit immer: Für Datenverarbeitung sehr gut geeignet, für Planung kaum. Diese Aussage ist jetzt veraltet.
Technisch ging das schon seit einigen Monaten. Mit den früheren Modellen ließen sich aber nur Aufgaben erledigen, die man auch selbst ohne großen Aufwand gemacht hätte.
Wie die KI in Archicad kommt
Neben dem integrierten KI-Assistenten gibt es einen zweiten Weg: Man verbindet ein Sprachmodell wie Claude über MCP direkt mit Archicad.
Was ist MCP? Das Model Context Protocol ist eine Brücke zwischen der KI und einer anderen Software. Archicad meldet über diese Brücke, welche Befehle es anbietet – etwa „Wand erstellen", „Fenster einsetzen" oder „Elemente auflisten". Die KI wählt daraus die passenden aus und führt sie aus. Du schreibst also keinen Code, sondern beschreibst im Chat, was entstehen soll. Was ins Modell kommt, sind echte Archicad-Elemente – keine Bilder und keine Linien.

Ab Archicad 30 lässt sich eine MCP-Verbindung direkt einrichten, sie ist jedoch noch eingeschränkt. Für meine Experimente habe ich deshalb einen anderen Weg genommen, über das Add-on Tapir. Damit lassen sich fast alle wesentlichen Funktionen in Archicad von außen steuern.
Einrichtung in drei Schritten
Tapir-Add-on installieren: github.com/ENZYME-APD/tapir-archicad-automation
Tapir ist eine mehrjährige Entwicklung und kann sehr viele Archicad-Befehle fernsteuern. Bisher musste man dafür aber Python oder Grasshopper-Nodes beherrschen – die Einstiegshürde war technisch zu hoch. Heute lässt sich dieser Code per Prompt von der KI erstellen.
MCP-Server in Claude einrichten: Beschreibung unter pypi.org/project/tapir-archicad-mcp
Claude neu starten, Archicad starten – die Verbindung ist live.
Bei technischen Schwierigkeiten helfe ich gerne beim Setup.
Zwei Tests aus dem Alltag
Getestet habe ich zwei Fälle, die immer wieder vorkommen: Aus einer Handskizze soll ein Modell werden. Und statt DWG-Bestandsplänen braucht man ein Bestandsmodell als Grundlage.
Test 1: Handskizze → Archicad
Grundlage war eine übliche Skizze eines Hotelzimmer-Grundrisses mit einigen Maßen zur Orientierung.

Was gut funktioniert hat:
Die visuellen Informationen wurden erstaunlich gut erkannt. Die Umfangsmaße stimmten, und es entstanden echte Wände, Türen, Fenster (in die Wand eingesetzt) und Möbel – auf den passenden Ebenen.
Was noch nicht gut funktioniert hat:
Eine Ecke wurde falsch erkannt. Eine Iteration war nötig, um sie zu korrigieren.
Die Elementeinstellungen waren nicht immer logisch, z. B. lag bei den Wänden die Referenzlinie mittig.
Es war langsamer als gedacht: rund 10 Minuten für den Grundriss – ungefähr das Arbeitstempo eines Menschen.
Test 2: DWG-Grundlage → Bestandsgrundriss in Archicad
Grundlage war ein typischer Altbaugrundriss als DWG, ohne vernünftige Layerstruktur.

Was gut funktioniert hat:
Der Maßstab wurde sofort richtig erkannt, die meiste Geometrie sehr präzise übernommen, die Elementtypen wieder gut zugeordnet. Und diesmal war der ganze Grundriss spürbar schneller fertig.
Was noch nicht gut funktioniert hat:
An rund 20 % der Stellen war die Geometrie nicht ganz genau. Jede Ecke prüfen und nacharbeiten ist also unbedingt nötig.
Zwei wichtige Iterationen waren nötig: Wegen der komplexen Fensterlaibungen entstanden zuerst keine durchgehenden Wände mit Fenstern mit Anschlag, sondern einzelne Wandstücke. Und Rampen wurden als Dachelemente platziert.
Beides ließ sich mit Folgeprompts gut beheben – indem ich die gewünschten Favoriten genannt habe.
Wie die Qualität noch besser wird: mit einem Skill
Ein Skill ist eine voreingestellte Anweisung, wie das Sprachmodell eine bestimmte, klar begrenzte Aufgabe erledigen soll.
Für die Modellierung heißt das: Du legst je Elementtyp Modellierungsrichtlinien für die KI fest und nennst konkrete Favoriten aus eurer Vorlagedatei, die verwendet werden sollen. Damit wird das Ergebnis wirklich gut steuerbar und im Projekt weiter nutzbar.
Genau hier liegt die größte Stärke der MCP-Lösung gegenüber dem integrierten KI-Assistenten: Die KI arbeitet nach euren Regeln, nicht nach ihren eigenen.
Weitere mögliche Anwendungsfälle (ohne Vollständigkeit)
Repetitive Dokumentationsarbeiten
Planprüfungen gegen Normen, Baubeschreibungen, Ausschreibungen usw.
Bei Wettbewerben aus Skizzen und Raumprogramm einen optimierten Grundriss erstellen
Viel mehr Varianten mit parametrischen Methoden ausprobieren, z. B. unterschiedliche Fassadenraster

Die Risiken
Datenschutz: Claude kann über die Verbindung auch auf projektsensible Informationen zugreifen, z. B. die Projektinfos – allerdings nur, wenn du sie tatsächlich abfragst. Jedes Büro muss deshalb konkret festlegen, was erlaubt ist und was nicht.
Nachvollziehbarkeit: Fast alle Änderungen lassen sich wie gewohnt rückgängig machen. Was genau geändert wurde, bleibt trotzdem schwer nachzuvollziehen.
Autopilot statt Assistenz: Die Anwendung wird schnell nutzlos, wenn wir keinen bewussten Zielen folgen und keine klaren KI-Richtlinien haben. Kontrolle ist essenziell. Ganze Prozesse gibt man nicht ab – sondern einzelne, klar begrenzte Schritte, deren Ergebnis man prüft.
Haftung: Wer ist verantwortlich, wenn etwas schiefläuft? Die KI jedenfalls nicht – die Verantwortung bleibt bei dem, der das Modell erstellt und den Plan freigibt.
Abstürze: Archicad kann öfter abstürzen, weil Claude Befehle anders ausführt als ein Mensch.
Fazit
KI ist jetzt wirklich auch für Architekten relevant geworden. Keine Spielerei mehr, und nicht mehr nur Visualisierung oder Tabellen.
Wir erleben gerade einen echten Wandel. Wer früh einsteigt, kann sich noch einen Wettbewerbsvorteil sichern. Wer den Kopf in den Sand steckt, wird es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben. Und ein Büro wird schwer Projekte gewinnen, wenn ein kleineres Designteam mit geringerem Honorar das Projekt schneller abwickeln kann.
Wenn du jetzt einsteigen willst, melde dich gerne. Ich höre mir eure Ideen, Sorgen und Wünsche an. Wo seht ihr selbst das Potenzial?